Samstag, 22. Dezember 2012
"Was bist Du denn eigentlich?"
Ich werde oft von fremden Menschen nach meiner Herkunft gefragt. Auf Homepartys, beim Feiern, beim Smalltalk (so auch neulich auf die in der Überschrift zitierten Art und Weise). Daran ist an sich nichts verwerflich. Ich interessiere mich auch für meine Mitmenschen. Unterhalte ich mich mit einer Person und höre Semmel, Kammelle oder Puschen, kann ich mir die Frage nach Süd, West oder Nord häufig nicht verkneifen. Es ist für mich allerdings etwas anderes, wenn ich nach der Helligkeit des Hauttons (meist in Kombination mit der Haar- und Augenfarbe) urteile, ob jemand von hier oder woanders kommen mag. Durch die Frage nach der Herkunft (die auf der Zuordnung der/des Befragten zu einer anderen Gesellschaft als der umgebenden fußt) grenze ich den/die Befragte/n aus. Du kannst überhaupt nicht von hier kommen, du siehst nicht so aus, wie ich es von der vorherrschenden Norm erwarten würde.
Wenn ich in meiner Heimatstadt auf die Frage "Woher kommst du (eigentlich)?" mit Berlin oder BR Deutschland antworte, bekomme ich die seltsamsten Blicke zurück geworfen - oft in Verbindung mit "Ne, woher du wirklich kommst. Also deine Eltern. Ich meine deinen Migrationshintergrund". Mir ist bewusst, was Du meinst. Ich wusste von Anfang an, was Du meintest. Und ich habe deine Frage beantwortet. Ist es für dich wirklich unvorstellbar, dass ein Mensch ohne blonde Haare auch in diesem Land geboren sein könnte? Dass er hier aufwuchs, hier zur Schule ging, wie seine Eltern und deren Eltern in dem gleichen Alter auch?
Die Frage ist nicht böse gemeint. Ich würde nie soweit gehen, den Interessierten latenten Rassismus zu unterstellen. Was aber passiert, wenn solche Fragen immer wiederkehren und sich im Sprachgebrauch manifestieren, ist, dass sich eine rassistische Denkart in die Sprache schmuggelt, die irgendwann nicht mehr als solche wahrgenommen wird. Denn was ist es anderes als Rassismus, wenn ich annehme, jemand komme aus einem anderen Land, nur weil sein Hautton nicht den hautfarbenen Buntstiften entspricht?
Ich habe verständlicherweise weder Zeit noch Muße, eine Grundsatzdebatte mit jeder/m anzufangen, die/der mich im dritten mit mir gewechselten Satz nach meinen Wurzeln fragt. Ich mache es mir einfach und erzähle, mein Vater sei Franzose, algerischer Franzose. Dass ich weder ein Wort Französisch, noch eine Silbe Arabisch/Mazirisch sprechen kann, stört nach dieser Antwort niemanden mehr. Selbst als ich ein Mädchen auf ihre Ausführungen über "so ein schönes Land" fragte, wo denn bitte dieses Algier (die Hauptstadt Algeriens) liege, begann die Kulisse nicht zu bröckeln.
Wenn mir jedoch etwas am Gegenüber liegt und es vorkommen könnte, dass er/sie irgendwann einmal meine bleichen Eltern zu Gesicht bekommt, erzähle ich die Wahrheit. Mein Urgroßvater war Franzose. Das sagte mir zumindest meine Mutter. Wissen tun wir es beide nicht. Nach diesem Szenario bin ich also ein Ein-Achtel-Franzose und ein Sieben-Achtel-Deutscher. Das Deutsche in mir hat also klar die absolute Mehrheit. Und das ist wichtig. Nicht für mich, aber wohl für viele Andere. "In meinen Rassifizierungskategorien hätte ich dich tatsächlich woanders eingeordnet". Schluck! Mensch kann diesen Sonderfällen zugute halten, dass ihre Neuronen aufgrund des hohen Alkoholpegels oft nicht mehr einwandfrei funkten. Dennoch lassen mich solche Aussagen stutzen. Die Leute, die neben mir auf Demonstrationen gegen Nazi-Aufmärsche laufen, unterscheiden sich manchmal höchstens in Nuancen vom braunen Mob hinter der grünen Schlagstock-Barriere.
"Bist Du eigentlich Deutscher?" Ja, das bin ich. Aber als erstes bin Mensch. Ich bin Inhaber eines deutschen Passes, Personalausweises, Führerscheins und bin Organspender. Ich spende meine deutschen Organe an deutsche Organsuchende (und natürlich auch gerne alle anderen). Doch selbst wenn dem nicht so wäre, spielte das eine Rolle? Würdest Du dich nicht mit mir unterhalten, wenn ich sagen würde, ich sei Timbuktianer, Inder oder Portugiese? Ich habe mir mein Geburtsland nicht ausgesucht, ebensowenig wie den Ton meiner Haut. Der Zufall hat mich erstellt. Ich bin Produkt eines biologischen Zusammenwürfelns der Gene meiner Eltern (,die wiederum aus einer Gen-Suppe ihrer Eltern, ihrer Eltern,…). Seine Identität auf die willkürliche Zugehörigkeit zu einer Nation (Volksgemeinschaft, Rasse, je nach Umfeld) aufzubauen, kommt mir ziemlich verzweifelt vor. Ich definiere mich nicht über das, was ich auf irgendeinem Papier bin, sondern dadurch, was ich tue. Mein Handeln, meine Überzeugungen. Du kannst Humanist sein - oder Arschloch. Musiker oder Pilot, Handwerker oder Beamte, hetero- oder homosexuell. Doch inwiefern spielt es (für dich und deine Umgebung) eine Rolle, wo deine Mutter entbunden hat und welches Buchstabenkürzel auf deiner ID card zu lesen ist? Bitte, erkläre es mir.
Ich habe mir für die Zukunft fest vorgenommen, den Wikipedia-Artikel über Algerien zu inhalieren. Im nächsten Semester werde ich beginnen, Arabisch zu lernen. Mensch tut, was mensch kann, um sich zu integrieren.
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