Montag, 5. September 2011

Ausgezeichnet!

Auch Verbrecher verdienen Belobigungen.

Das Bundesverdienstkreuz. Die höchste staatliche Auszeichnung für Leistungen für Volk und Vaterland. Wer sich seiner verdient gemacht hat, darf das Edelmetall mit Stolz und Würde tragen; wer nicht, anscheinend auch. Seit seiner ersten Verleihung 1951, vor 60 Jahren, wurde der Orden mehr als 240.000-mal vom amtierenden Bundespräsidenten in die Hände eines Würdenträgers gegeben. Nicht immer wohlüberlegt.

Dieses Abzeichen ist etwas ganz besonderes. Es beginnt in der untersten Ebene mit der bloßen "Verdienstmedaille", steigert sich über das "Verdienstkreuz 1. Klasse" bis zur "Sonderstufe des Großkreuzes", dem höchsten Rang der Auszeichnung. Letzteres ist Staatsoberhäuptern vorbehalten. Bundespräsidenten erhalten, quasi als zuvorkommenden Dank des deutschen Staates für kommende Leistungen, bei ihrem Amtsantritt das Bundesverdeinstkreuz.

Es soll jene Leistungen würdigen, "die im Bereich der politischen, der wirtschaftlich-sozialen und der geistigen Arbeit dem Wiederaufbau des Vaterlandes dienten". 

Einige Beispiele zeigen, dass die Verleihung oft nicht völlig durchdacht war.
Der Bundesverband der Deutschen Industrie schlug vor, den Essener Manager Heinrich Bütefisch mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik zu ehren, weil er im Vorstand der 'Ruhrchemie AG' Großes geleistet habe. Daraufhin wurde beim Verfassungsschutz und beim Justizministerium - wie üblich - nachgefragt, ob gegen Herrn Bütefisch etwas vorliege. Das war offenbar nicht der Fall, sodass er 1964 vom damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke ausgezeichnet werden durfte. Sechszehn Tage danach war der schöne Traum aber schon wieder vorbei. Ein Mann aus Süddeutschland hatte sich beim Präsidialamt gemeldet und erläuterte, wo er Herrn Bütefisch schon einmal gesehen hatte: In Nürnberg, bei einem Prozess 1948 als Angeklagter. Er war Chef der Leunawerke der IG Farben gewesen und wurde wegen "Ausbeutung der Arbeit von KZ-Insassen" in Auschwitz zu sechs Jahren Haft verurteilt. Schade, dass sich die Herren beim Staatsschutz und im Justizministerium den Namen nicht gemerkt hatten. Wie soll man auch durchblicken. Bei so vielen angeklagten und verurteilten NS-Verbrechern. Dem ehemaligen SS-Sturmbannführer Bütefisch wurde daraufhin der Verdienstorden abgenommen. Dabei hätte er als verurteilten Kriegsverbrecher mit staatlicher Auszeichnung sicher einige Privilegien neben seinen braunen Freunden genießen können.

Interessant zu wissen ist hierbei der Inhalt einee kleinen Passage aus den Verleihregelungen von 1952. "Erweist sich ein Beliehener durch sein späteres Verhalten, insbesondere durch Begehung einer entehrenden Straftat, der Auszeichnung unwürdig oder wird ein solches Verhalten nachträglich bekannt, so kann ihm die Befugnis zum Tragen des Verdienstordens entzogen werden." Schwer zu definieren bleibt: Wo hört die Würdigkeit auf, ab wann zählt was als Untat?

Einem weltanschaulich Gleichgesinnten von Bütefisch, dem Industriellen Friedrich Flick, wurde ebenfalls das goldene Kreuz verliehen, trotz der Verurteilung zu sieben Jahre Haft wegen "Förderung des NS-Regimes und Ausplünderung besetzter Gebiete" durch die Alliierten.

Hans Ernst Schneider, 1983 mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse geehrt, war SS-Offizier im Zweiten Weltkrieg und war indes mit Sicherheit an einer einer, wenn nicht hunderten oder tausenden "entehrenden Straftaten" beteiligt.

Die Liste der der Ordensträger dieser mehrstufigen Ehrung ist lang. Und es lassen sich viele bekannte Namen auf ihr finden. Zum Beispiel der kubanische Diktator Fulgencio Batista, ein Gegner Fidel Castros. Demonstrationen und Proteste wurden unter seiner Führung verboten, viele Menschen ermordet. Man vermutet, dass vom kubanischen Geheimdienst und der Militärführung zwischen zwei- und zwanzigtausend Menschen gefoltert und getötet, viele von ihnen regelrecht hingerichtet wurden. Auch Nicolae Ceauşescu, rumänischer Staatspräsident und selbst ernannter kommunistischer Conducător (Führer) konnte sich über ein Kreuz aus deutschen Werken freuen. Er unterhielt sich eine Geheimpolizei (Securitate), die das Recht auf freie Meinungsäußerung 'kontrollierte' und tolerierte keine Opposition.
Als kleine Aufmunterung lässt sich also feststellen, nicht nur deutschen Kriegsverbrechern wurde diese Ehre zu Teil.
Eins für dich, eins für dich und eins für dich. Die Wohltätigkeit bei der Vergabe lässt sich kaum erklären. Eine Vielzahl südamerikanischer Diktatoren gehört dem Kreise der Verdienstkreuzträger an und nicht viele haben sich dem Dienste eines friedvollen Zusammenlebens in der Welt verdient gemacht.

Wenn ich noch ein paar Vorschläge für verdiente Träger machen könnte: Wie wäre eine Ehrung von Erich Honecker als Vorreiter der Deutschen Einheit; Josef Stalins, trotz seines missglückten Aufbaus einer kommunistischen Versuchsgesellschaft; Goerge Walker Bush' für militärisches Feingefühl und Durchsetzungvermögen im 'Kampf gegen den Terror'; und diverser Kleinkrimineller, Drogen- und Waffenhändler für die Aufrechterhaltung einer abwechslungsreichen und vielfältigen Gesellschaft?

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