Sonntag, 11. September 2011

Pastoraldemokratie Deutschland.

Die Fraktion Vatikan.
 Noch zehn Tage und drei Stunden, dann kommt er endlich. Der deutsche Papst Benedikt XVI. besucht Deutschland vom 22. bis zum 25. September. Sein Zeitplan ist straff. Berlin, Erfurt, Münster und Freiburg. Der Gottesmann ist immer unterwegs, begleitet von vatikanischen Vertretern und Heerscharen katholischer Gläubiger. Er spricht mit Bundespräsident Wulff, Angela Merkel und Helmut Kohl. Er besucht Verbände und Vereine, hält öffentliche Reden auf Plätzen und im Olympiastadion in Berlin. Aber nicht nur dort, wo ich es ihm gönnen würde: in der Kneipe gegenüber, vor dem Aldi-Markt oder in der City-Toilette. Nein, er hat sich etwas ganz besonderes einfallen lassen. Seine spirituellen Zeilen wird er nicht irgendwo, sondern im Plenarsaal des deutschen Bundestages verlesen. Im Plenarsaal! Das große runde Ding, das manchmal im Fernsehen zu sehen ist. In der Höhle der Demokratie. Im Herzen der Legislative.


(Bild: Madrid11 | CC BY-NC-ND 2.0)
  Das widerspricht eindeutig dem staatlichen Grundsatz einer "Trennung von Staat und Kirche". Aber das scheint ohnehin noch nie richtig Ernst genommen worden sein, treiben doch staatliche Behörden seit jeher die Kirchensteuern beim Bürger ein. Reichsmark für Reichsmark, Pfennig für Pfennig, Euro für Euro.
Übrigens: die Sicherheitsmaßnahmen für den Papstbesuch und seine aufbrausenden Reden vor tobenden Menschenmassen (+60) zahlt der Steuerzahler.

 Wir sind ein christliches Land. Das mag rein historisch erwiesen sein, aber trotzdem erlaubt deutsches Recht keinen Vorzug der einen vor einer anderen Religion. Würden islamistische Glaubenskrieger oder Vertreter des Pastafarismus einen öffentlichen Platz für religiöse Agitation und Propaganda nutzen wollen - es würde ihnen verweigert werden. Eine christliche Gesellschaft, beruhend auf einer jahrhundertealten Wertegemeinschaft, versagt ihren Konkurrenten das Recht auf öffentliche Mitteilung. Soll das die Toleranz des Christentums sein?

 Wir sind aber auch, dem Namen nach, ein deutsches Land. Dennoch dürfen auch Nicht-Deutsche auf die Bühne. Und frei sprechen dürfen sie auch. Ist das denn keine Frechheit?
Wir sind ein europäisches Land. Behandeln wir Amerikaner oder Israelis deshalb anders als unsere kontinentalen Nachbarn? Nein, meistens sogar besser - das hat allerdings andere Hintergründe.

 Der Papst ist, als Gesandter des Fitzelstaates Vatikan, ein Staatsgast wie jeder andere und sollte deshalb auch so behandelt werden. Er kann gerne den Deppen der Christlich Demokratischen Union die Hände schütteln und in seinem Glaskasten durch die Städte ziehen. Aber sollte er vor Tausenden von Menschen seine Botschaft in die Lande stottern? Gegen Abtreibung, Verhütung und Keuschheitsbruch aufrufen? Seine religiöse Keule im symbolträchtigen Reichstag schwingen, der für Toleranz, Demokratie und Neutralität steht? Apropos neutral: Eben diese Eigenschaft sollte jeder Staat besitzen, zumindest was Religionsfragen angeht. Wie kann er sonst die Lehre von Respekt und Verständnis vorbeten? Und all' das ohne ein Wort über die hunderten Missbrauchsfälle und Gewaltverbrechen allein in deutschen Bistümern zu verlieren?
Der Katholizismus ist nicht gerade berühmt für seinen Altruismus gegenüber Andersdenkenden.

 Mein Lösungsvorschlag: Nach Bene dürfen auch die Zeugen Jehovas und Tom Cruise für Scientology ein wenig öffentliche Werbung machen. Im Bundeskanzleramt, vor dem Schloss Sanssouci und im Führerbunker.

 Chrsitliche Webbegeisterte haben sogleich eine Internetseite für den Besuch des heiligen Vaters geschaltet. Mit einem Countdown. Hier ist auch das Programm seines Aufenthaltes einzusehen.

1 Kommentar:

  1. Diser Blog ist echt immer interessant, es ist schade, dass ihn bisher so wenige lesen. :(

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